01Name · Herkunft · Wandel
Vom Zehent
zum Zechenter.
MITTELALTER · Alpenraum
Bevor diese Geschichte beginnt, steht der Name selbst. Zechenter gehört zu historischen Schreibweisen wie Zehender, Zehenter, Zehentner oder Zechentner. Ihre sprachliche Grundlage liegt im Zehent, jener mittelalterlichen Abgabe, deren Einhebung und Verwaltung Vertrauen verlangte. Im alemannischen Raum begegnet häufig Zehender; in Wien, Ungarn und den östlichen Ländern der Habsburgermonarchie setzen sich später Zehenter und schließlich Zechenter durch.
Zehent · Zehender · Zehenter · Zechenter
02Amt · Maß · Recht
Der gerechte
Mann.
15.–17. JH. · Vorarlberg
Am Anfang steht noch nicht der Glockenguss. Hans Zehender erscheint 1458 als Junker und Vogt zu Bludenz und später als Hubmeister der Herrschaft Feldkirch. Heinrich Zehender wird Landammann von Rankweil. Diese Tradition reicht bis Leonhard Zehender, Assessor des kaiserlichen Landgerichts Rankweil und Sulz. Für jene Familie, deren Weg später nach Wien, Ofen und Neusohl führt, beginnt die sichtbare Geschichte mit Amt, Besitz, Maß und Recht.
Vogt · Hubmeister · Landammann · Güter · Weinberge
03Herkunft · Zeichen · Familie
Das Zeichen
der Zehender.
1641 · Feldkirch · Ravensburg
Am 8. Februar 1641 erhält Matthias Zehender einen Wappenbrief. Im gelben Schild stehen drei grüne Berglein, eine Staude mit drei Mairosen und zwei gekreuzte Streithämmer. Bereits das Siegel des Hans Zehender aus dem 15. Jahrhundert lässt verwandte Motive erkennen. Matthias lebt mit Maria Helbock in Rankweil; aus ihrer großen Familie führen die Wege bald weit über Vorarlberg hinaus – nach Wien, Kärnten, Ofen und Neusohl.
Wappenbrief · Dreiberg · Mairosen · Streithämmer
04Feuer · Klang · Wiederaufbau
Der erste
Gießer.
1695–1701 · Wien
Nach der Befreiung Wiens beginnt eine Zeit des Wiederaufbaus. Kirchen brauchen Glocken, die kaiserliche Artillerie neue Geschütze. Franz Zechenter verlässt Rankweil; 1695 tragen die Glocke von Bad Fischau-Brunn und der Wiener Bürgereid seinen Namen. Er heiratet Eva Rosina Beer und bewegt sich bald im Umfeld bedeutender Wiener Gießer. 1701 übernimmt er am Spittelberg die ehemalige Gießerei des Mathias Glaser.
Bad Fischau 1695 · Eva Rosina Beer · Spittelberg
05Bronze · Donau · Kaiser
Der Weg
nach Osten.
1716–1723 · Wien · Ofen
Franz bleibt nicht beim Glockenguss. 1716 überzeugen seine Probegüsse die kaiserlichen Stellen; ein Jahr später wird er nach Ofen berufen, um für die kaiserliche Artillerie zu arbeiten. Die Familiengeschichte folgt der Donau nach Osten. Aus Glocken werden Kartaunen und Quartierschlangen. Dasselbe Wissen um Metall, Temperatur, Form und Maß dient nun gleichermaßen dem Klang der Kirche und der Macht des Kaisers.
Probeguss 1716 · Berufung 1717 · Geschützbronze
06Vater · Sohn · Feuer
Das Erbe
im Guss.
1723–1758 · Ofen
Nach Franz Zechenters Tod vollendet sein Sohn Anton die begonnenen Geschütze. Die kaiserliche Artillerie prüft sie und befindet sie für gut. Aus einer persönlichen Karriere wird eine handwerkliche Dynastie. Anton übernimmt die Stellung des Vaters als kaiserlicher Stück- und Glockengießer, wird Bürger von Buda und besitzt Haus und Weinberge. Auf erhaltenen Kanonen erscheinen die Wappen von Daun, Königsegg und Liechtenstein.
Anton Zechenter · Ofen · Daun · Königsegg · Liechtenstein
07Kärnten · Glocke · Seitenlinie
Eine Spur
nach Süden.
1714–1741 · Klagenfurt
Während Franz in Wien und Ofen arbeitet, erscheint in Klagenfurt ein weiterer Gießer: Marx Matthias Zechenter. Er gießt Glocken, fertigt Pulverwaagen, Uhrschalen und Feuerlöschgeräte und ist auch als Büchsenmacher belegt. Seine Verbindung mit dem 1671 in Rankweil geborenen Matthias Zehender liegt nahe, ist aber noch nicht endgültig bewiesen. Die mögliche Seitenlinie bleibt eine besonders spannende offene Spur.
Marx Matthias · Klagenfurt · Glockengießer · Büchsenmacher
08Bergstadt · Bürger · Bronze
Die zweite
Gießerlinie.
1732–1750 · Neusohl · Banská Bystrica
Ein anderer Familienzweig führt weiter nach Osten. Franz Zechenter, 1698 als Sohn Leonhard Zehenders geboren, wird 1732 als Stück- und Glockengießermeister bezeichnet und Bürger von Banská Bystrica. Er baut sich als Hausbesitzer, Ringbürger und Glockengießer eine neue Existenz auf; sein Sohn führt das Handwerk weiter. Damit bestehen zwei gesicherte östliche Zechenter-Gießerlinien nebeneinander: Ofen und Neusohl.
Bürger 1732 · Ringbürger · Neusohl · Glockengießer
09Handwerk · Wissenschaft · Präzision
Vom Gießerhaus
zum Ingenieur.
1732–1757 · Ofen · Wien · Paris
Joseph von Zechenter wächst als Sohn des Ofener Stückgießers Anton unmittelbar in der Welt der Geschützgießerei auf. 1751 tritt er in die k.k. Ingenieur-Akademie in Wien ein; bald wird ihm die Stückgießerei beim Wiener Zeughaus übertragen. Fürst Joseph Wenzel von Liechtenstein schickt ihn nach Frankreich, wo er bei Jean Maritz moderne Verfahren zur präzisen Bearbeitung von Kanonenrohren kennenlernt. Aus Gießerwissen wird Ingenieurwissenschaft.
Ingenieur-Akademie · Wiener Zeughaus · Liechtenstein · Maritz
10Karte · Kaiser · Schlachtfeld
An der Seite
Josephs II.
1761–1790 · Europa
Josephs Karriere führt weit über die Gießerei hinaus. Er zeichnet militärische Pläne, dokumentiert Feldzüge und steigt in den Generalquartiermeisterstab auf. Als Generaladjutant begleitet er Kaiser Joseph II. auf Reisen nach Russland, Ungarn, Kroatien, Siebenbürgen und Galizien. Er untersucht Straßen, Übergänge und Festungen und organisiert militärische Bewegungen. 1790 erreicht der Sohn eines Kanonengießers den Rang eines Feldmarschalleutnants.
Joseph II. · Graf Falkenstein · Generalstab · Feldmarschalleutnant
11Sprache · Bühne · Europa
Vom Geschütz
zum Wort.
1772–1838 · Wien · Pressburg · Prag
Antons jüngerer Halbbruder Anton von Zechenter wählt einen anderen Weg. Im Militär- und Verwaltungsdienst tätig, widmet er sich zugleich Literatur und Sprachen. Er überträgt Voltaire, Racine und Corneille ins Ungarische und veröffentlicht 1785 in Prag den Ungarischen Anakreon. Später beginnt er nach den Ursprüngen seiner Familie zu forschen und sucht in Feldkirch nach Kirchenbucheinträgen und dem Wappenbrief von 1641.
Voltaire · Racine · Corneille · Anakreon · Familienforschung
12Bild · Reise · Landschaft
Geschichte wird
zum Bild.
1779–1861 · Habsburgermonarchie
Über Antons Schwester Franziska führt die Geschichte in die Familie von Saar. Ihr Sohn Alois von Saar wird an der Wiener Akademie zum Landschafts- und Architekturmaler ausgebildet. Seine Motive führen von Wien, Prag und Pest bis Belgrad und in die Walachei. Seine Ansichten finden Anerkennung bis an den Hof. Das Land, das Joseph militärisch vermessen hatte, wird in derselben erweiterten Familie zum Gegenstand der Kunst.
Alois von Saar · Wiener Akademie · Prag · Pest · Karolina Augusta
13Arzt · Natur · Literatur
Ein neuer
Zechenter.
1824–1908 · Banská Bystrica · Kremnica
Auch die Neusohler Linie lebt weiter. Gustáv Kazimír Zechenter-Laskomerský wird Arzt, Naturforscher und Schriftsteller und zu einer bedeutenden Persönlichkeit des slowakischen Kulturlebens. Die Welt hat sich verändert, doch ein Motiv bleibt: Praktische Arbeit verbindet sich mit Beobachtung, Bildung und öffentlicher Verantwortung. Fast zwei Jahrhunderte nach Matthias in Rankweil trägt der Name Zechenter in einer völlig anderen Welt weiter.
Arzt · Naturforscher · Schriftsteller · Neusohler Linie
14Werkstatt · Besitz · Fortbestand
Die Frauen
hinter dem Namen.
17.–18. JH. · Wien · Kärnten · Ofen
Die Geschichte wurde nicht allein von jenen Männern getragen, deren Namen auf Glocken und Kanonen stehen. Eva Rosina Beer bewahrt den Besitz am Spittelberg. Maria Regina Koßmatsch hält die Klagenfurter Werkstatt zusammen; Maria Magdalena Zechenterin nennt eine Glocke von 1751 ausdrücklich als Gießerin. In Ofen erweitert Franziska Gabrielly den Familienbesitz. Ohne diese Frauen wären Werkstätten, Vermögen und Linien nicht in derselben Form weitergegeben worden.
Eva Rosina Beer · Maria Regina Koßmatsch · Franziska Gabrielly
15Bronze · Zeugnis · Erinnerung
Was vom Feuer
geblieben ist.
17.–18. JH. · Europa
Von den Menschen bleiben Namen in Akten. Von den Gießern bleiben Glocken, Kanonen und Mörser. Die Glocke von Bad Fischau-Brunn trägt noch immer Franz Zechenters Namen; in Mödling haben mehrere seiner Glocken Kriege und Beschlagnahmungen überstanden. Von Anton Zechenter sind schwere Bronzekanonen erhalten, mehrere davon im Heeresgeschichtlichen Museum. Was glühend aus der Form kam, ist selbst zur historischen Quelle geworden.
Bad Fischau · Mödling · Ofen · Heeresgeschichtliches Museum
16Klang · Ferne · Gegenwart
Die Glocken
klingen weiter.
BIS HEUTE · Europa
Die unmittelbarste Verbindung zur Vergangenheit liegt nicht im Museum. Einige Zechenter-Glocken hängen noch dort, wofür sie geschaffen wurden. In Mödling sind Glocken Franz Zechenters Teil des Geläuts von St. Othmar; weitere Spuren reichen bis Budapest und in die Klosterwelt des Berges Athos. Diese Geschichte endet nicht mit einem Todesjahr und nicht in einem Archiv. Irgendwo wird noch immer eine Glocke angeschlagen.
Mödling · Budapest · Berg Athos · lebendiger Klang